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Schreib etwas! Wie soziale Plattformen sprachlich ihre Nutzer lenken.

Schreib etwas! Wie soziale Plattformen sprachlich ihre Nutzer lenken.

Ein Netzwerk ist erst dann sozial, wenn die Nutzer es auch verwenden. Mit jedem neuen Text, jedem hochgeladenen Foto und getauschtem Link beginnt es als sozial wahrgenommen zu werden. Dies war für mich Ausgangspunkt der Frage, wie Facebook, Google+ und Co ihre Nutzer aktiv zum Handeln aus sprachlicher Sicht aufrufen und in welcher Form?

Als Erkennungsmerkmal soll mir der direktive Sprechakt dienen: Direktiv 1 ist in den Sprachwissenschaften ein Sprechakt, der zu Handlungen oder Unterlassungen führen soll. Der Begriff ist aus dem Lateinischen und bedeutet >richten< bzw. >lenken<. Neben dem direkten Aufruf spielt die Form der Frage eine besondere Rolle. So versucht sich Facebook gleich in beiderlei: „Schreib etwas …“ und „Was passiert gerade, Kristian?“. Hier klingt die Frage nicht nur gefälliger. Hinzu kommt die direkte Anrede, die die Anwesenheit einer realen Person impliziert – gar eines Freundes. Schließlich werde ich mit meinem Vornamen angesprochen.

Ich habe mich bei fünf sozialen Netzwerken eingeloggt (Facebook, Google+, Tumblr., Twitter und Youtube), bei Facebook und Google+ jeweils mit einem privaten und einem beruflichen Profil. Mich interessiert bei dieser kleinen Stichprobe nur die Startseite nach dem Login für die sprachliche Handlungsaufforderung an den Nutzer.

Soziales Netzwerk nach dem Login Variationen direktiver Sprechakt
Facebook (privates Profil Chronik)
  1. Variation: Was ist los, Kristian? / Was passiert gerade, Kristian? / Wie fühlst du dich, Kristian? / Alles klar, Kristian?
  2. Schreibe einen Kommentar …
  3. Je nach bisherigen Angaben: Füge deinen derzeitigen Wohnort hinzu
  4. Je nach bisherigen Angaben: Füge deine Heimatstadt hinzu

 

Facebook (Unternehmensseite)
  1. Variation Benachrichtigung:  Die beliebtesten Beiträge sind kurz, freundlich und kommunikativ. Schreibe einen Beitrag. / Fragen ist ein guter Weg um die Menschen zum Sprechen zu bringen. Probiere es.
  2. Schreib etwas …
  3. Schreibe einen Kommentar …
  4. Sieh deine Werbeanzeige hier
  5.  Variation: Wirb für deine Seite / Erhalte mehr „Gefällt mir“-Angaben

 

Google+ (privates Profil)
  1. Was gibt’s Neues?
  2. Neu! Chatten Sie mit Ihren Kreisen.
  3. Je nach bisherigen Angaben: Verraten Sie Ihren Freunden, wann sie Ihnen gratulieren dürfen.

 

Google+ (Unternehmensseite)
  1. Was gibt’s Neues?

 

Tumblr. (Dashboard)
  1. Je nach bisherigen Angaben: Sende deine Tumblr-Einträge automatisch an Twitter!

 

Twitter
  1. Was gibt’s Neues?

 

Youtube (Mein Kanal)
  1. Variation: YouTube bietet jetzt Live-Streaming von Videos über Hangouts on Air. Nutze Live-Streams jetzt für deinen Kanal! / Vermarkte deine Videos und erreiche mehr Zuschauer. Werde noch heute YouTube-Partner!

Auffällig ist, dass alle getesteten sozialen Netzwerke Markierungen für den direktiven Sprechakt besitzen. Lediglich Tumblr. kommt ohne Aufforderung aus, wenn wie hier die Einstellung für Twitter vorgenommen wurde. Facebook hat nicht nur die meisten Handlungsaufrufe an die Nutzer, sondern zugleich auch die variantenreichsten. Hinzu kommen kalendarisch unterschiedliche Fragen, wie etwa zu Weihnachten: „Teile deinen Fans deine Neuigkeiten, Sonderaktionen und Promotions während der Feiertage mit …“.

Die Differenzen zwischen privaten Seiten und Unternehmensseiten auf Facebook verdeutlichen, dass man sich voll und ganz auf die indviduelle Ansprache eingestell hat: Der private Nutzer soll möglichst aktiv  über alles schreiben, was ihn bewegt, und der Social Media-Manager kann zusätzlich gern eine Werbung buchen und mehr Fans für die Seite gewinnen.

Bemerkenswert ist die unterschiedliche Verwendung der Satzzeichen bzw. das Weglassen eben jener. Während Tumblr., Twitter und Youtube die Imperativsätze auch als solche mit einem Ausrufezeichen kenntlich machen, arbeiten Facebook und Google+ unsauber. Es ist unwahrscheinlich, dass die Fehler bei beiden Konzernen aus Versehen ihren Weg ins Web gefunden haben. Das Weglassen des Ausrufezeichens oder stattdessen das Setzen eines oder mehrerer Punkte nehmen dem Direktiv seine Schärfe wie auch die Form der Frage. Der Nutzer wird zu einer Handlung aufgefordert, ohne aufgefordert zu werden.

So bleibt die Frage, wie ein Nutzer reagieren würde, wenn statt „Schreib etwas …“ ihm das korrekte und zudem ehrlichere „Schreib etwas!“ nach dem Login begrüßen würde?

Notes:

  1. „Sprechakt, dessen Hauptzweck darin besteht, den Adressaten zu einem bestimmten Verhalten (Handlung oder Unterlassung) zu veranlassen. […] Sie können […] auch mit Hilfe von indikativischen Deklarativen Sätzen (Du kommst jetzt sofort hierher!), Deklarativsätzen im Konjunktiv (Man nehme zweihundert Gramm Mehl!), Infinitivphrasen (Alle mal herhören!), Partizip-II-Phrasen (Stillgestanden!), elliptischen Ausdrücken (Feuer!, Ein Helles!, Hierher!), unpersönlichem Passiv (Hier wird nicht gemeckert!), nicht eingebetteten Komplementsätzen (Daß ihr mir ja nicht zu spät kommt!) sowie durch Modalverben (Du sollst jetzt kommen!) [vollzogen werden]“, Bußmann, Hadumod: „Lexikon der Sprachwissenschaft“, Stuttgart: Kröner, 2. Aufl., 1990, S. 185 f.
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